Lesezeit: ca. 3 Minuten
Anna Netrebko wagt den Ausflug in die Moderne: Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“
Anna Netrebko stellt sich einer ungewöhnlichen Aufgabe jenseits ihres vertrauten italienischen Repertoires: In Béla Bartóks Oper Herzog Blaubarts Burg begegnet sie einer musikalischen Welt voller scharfer Kontraste, dunkler Orchesterfarben und psychologischer Spannung. Die konzertante Aufführungsreihe führt sie Ende November und Anfang Dezember 2026 nach Madrid, Basel, Wien, Rom und Budapest.

Mainz/Europa - Anna Netrebko ist vor allem für ihre Interpretationen der großen Frauenfiguren von Verdi und Puccini bekannt. Ende November und Anfang Dezember 2026 erweitert die Sopranistin ihr Repertoire um eine zentrale Rolle des 20. Jahrhunderts: In Béla Bartóks Herzog Blaubarts Burg gibt sie ihr Debüt als Judith. Die konzertante Aufführungsreihe führt sie nach Madrid, Basel, Wien, Rom und Budapest. Alexander Köpeczi singt Blaubart, Henrik Nánási dirigiert das Ungarische Rundfunk-Sinfonieorchester.
Bartóks 1911 komponierte Oper unterscheidet sich grundlegend vom italienischen Melodrama. Statt großer Arien und klar abgegrenzter Szenen entfaltet sich ein dichtes psychologisches Musikdrama, in dem Orchesterfarben, harmonische Spannungen und das Ungesagte die Handlung prägen. Judith kommt mit Blaubart in dessen düstere Burg und drängt darauf, die sieben verschlossenen Türen zu öffnen. Hinter ihnen offenbaren sich nach und nach die verborgenen Seiten seiner Welt: Gewalt, Waffen, Schätze, ein Garten, ein Reich der Tränen und schließlich die Erinnerung an seine früheren Frauen. Die letzte Tür führt Judith zu ihrem eigenen Schicksal.
Die Partitur macht diesen Weg durch immer neue Klangwelten hörbar. Tiefe Blechbläser, scharf aufleuchtende Orchesterfarben und abrupte Wechsel zwischen Dunkelheit und Glanz verwandeln die Burg in einen seelischen Raum. Jede geöffnete Tür verändert die musikalische Atmosphäre und verschiebt das Verhältnis zwischen den beiden Figuren. Die Spannung entsteht nicht allein aus dem Gesang, sondern aus dem Zusammenspiel der Stimmen mit einem Orchester, das die verborgenen Abgründe der Figuren hörbar macht.
Judith ist dabei weit mehr als eine passive Beobachterin. Sie handelt aus eigenem Antrieb, stellt Fragen und will Blaubart verstehen – auch gegen seinen Widerstand. Ihre Neugier und Entschlossenheit treiben die Handlung voran, während die Enthüllungen sie zunehmend mit der zerstörerischen Seite ihrer Liebe konfrontieren. Für Netrebko bedeutet die Partie eine neue stimmliche und darstellerische Herausforderung: Sie muss sich in Bartóks dichtem Klanggewebe behaupten und zugleich Judiths Entwicklung von anfänglicher Zuversicht zu wachsender Verunsicherung gestalten.
Die Konzertfassung lenkt den Blick besonders auf die beiden Sänger und Bartóks Orchester, das die Räume der Burg ohne szenische Ausstattung entstehen lässt. Die Aufführungen beginnen am 28. November im Teatro Real in Madrid und werden am 30. November im Stadtcasino Basel, am 2. Dezember im Wiener Konzerthaus, am 4. Dezember in Rom und am 7. Dezember in Budapest fortgesetzt. Das Programm umfasst außerdem zwei Werke von Franz Liszt: die Ungarische Rhapsodie Nr. 2 und das Erste Klavierkonzert, in dem Misi Boros den Solopart übernimmt.
Mit Judith betritt Netrebko musikalisches Neuland. Bartóks Oper verlangt keine triumphale Heldin, sondern eine Figur, deren Suche nach Wahrheit zugleich ein Kampf um Nähe ist. Je mehr Judith über Blaubart erfährt, desto deutlicher wird die Grenze zwischen Erkenntnis und Erlösung – und die Frage, ob Liebe das Geheimnis eines anderen Menschen überhaupt aufheben kann.




