31. August 2026
Aviel Cahn übernimmt die Deutsche Oper Berlin
Mit Aviel Cahn beginnt an der Deutschen Oper Berlin eine neue Intendanz. Zum Auftakt öffnete sich das Haus am vergangenen Wochenende für 30 Stunden der bildenden Kunst, Performances, Musik und dem Berliner Publikum. Der neue Intendant setzt damit gleich zu Beginn einen Akzent jenseits der klassischen Trennung von Opernbühne und Stadtraum.

Mainz/Berlin - Mit dem Amtsantritt von Aviel Cahn beginnt an der Deutschen Oper Berlin eine neue künstlerische Ära. Der Schweizer Intendant, der von 2009 bis 2019 die Opera Vlaanderen leitete und anschließend das Grand Théâtre de Genève führte, übernimmt das Berliner Haus mit der Spielzeit 2026/27. Seine erste Saison steht unter dem Motto „Make Love …“ und verbindet neue künstlerische Perspektiven mit dem traditionellen Repertoire des Hauses.
Bereits der Saisonauftakt macht diese Ausrichtung sichtbar. Das Eröffnungswochenende am 29. und 30. August steht unter dem Titel „UNLESS THE PEOPLE LIVE HERE“ und wird vom bildenden Künstler und Performer Rirkrit Tiravanija gemeinsam mit Landon Wilson kuratiert. Von Samstagmittag bis Sonntagabend wird die Deutsche Oper Berlin in und um das Haus zum Schauplatz von Installationen, Performances, Musik und Begegnungen. Die Deutsche Oper beschreibt das Projekt als Versuch, das Opernhaus als lebendiges System erfahrbar zu machen, das durch die Menschen entsteht, die dort arbeiten, auftreten und ihm begegnen.
Dabei werden die eigenen künstlerischen und technischen Ressourcen des Hauses ausdrücklich einbezogen. Mit dabei sind unter anderem das Orchester, die Chöre, die BigBand und das Staatsballett Berlin sowie der Kostümfundus, die Technik, das Restaurant und weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Eine von Petrit Halilaj und Álvaro Urbano gestaltete Kostümparade führt gemeinsam mit Orchestermusikern und Chorsängern durch Charlottenburg. Für die Parade stellt die Deutsche Oper mehr als 350 Kostüme zur Verfügung.
Auch musikalisch verbindet das Eröffnungswochenende unterschiedliche Zeiten und ästhetische Positionen. Das Konzert im Großen Haus umfasst Werke von Richard Wagner, Bára Gísladóttir, Benjamin Britten, John Cage und Edward Elgar sowie Musik von Giacomo Puccini und Anri Sala. Zu den angekündigten Stücken gehören unter anderem Musik aus Wagners „Der fliegende Holländer“, Brittens „War Requiem“, Cages „4'33''“ und Elgars „Nimrod“. Anri Sala arbeitet im Rahmen des Wochenendes mit Musikern des Orchesters zusammen.
Damit setzt Cahn gleich zu Beginn einen Akzent, der über die klassische Trennung zwischen Oper, Konzert und bildender Kunst hinausweist. Die Deutsche Oper öffnet ihre Räume nicht nur für ein zusätzliches Kunstprogramm, sondern macht das eigene Haus und die Menschen, die darin arbeiten, selbst zum Bestandteil der künstlerischen Auseinandersetzung. Das Eröffnungswochenende ist zugleich der Auftakt der neuen Sparte „Unlimited“, die von Elisa Erkelenz geleitet wird und Musiktheater mit weiteren künstlerischen Formen und Perspektiven verbindet.
Die erste große Neuproduktion der Saison folgt bereits am 19. September: Karlheinz Stockhausens „Mittwoch aus Licht“. Das Werk ist erstmals als szenische Opernproduktion im deutschsprachigen Raum zu erleben. Die Deutsche Oper bezeichnet die Premiere ausdrücklich als erste große Neuproduktion der Saison. Die Inszenierung übernimmt Susanne Kennedy, die musikalische Leitung liegt bei Maxime Pascal. „Mittwoch aus Licht“ ist Teil von Stockhausens siebenteiligem „Licht“-Zyklus und verbindet Gesang, Instrumentalmusik, Elektronik, Bewegung und szenische Elemente.
Auf Stockhausen folgen im Laufe der Saison weitere Neuproduktionen, die unterschiedliche Positionen zwischen Tradition und Gegenwart verbinden: Wagners „Der fliegende Holländer“, Jonathan Doves „In 80 Tagen um die Welt“, Bára Gísladóttirs „Good Vibes Only“, Mozarts „Così fan tutte“, Verdis „Otello“ und Brittens „War Requiem“. Damit bleibt das klassische Repertoire ein wesentlicher Bestandteil des Spielplans, wird aber durch zeitgenössische Musiktheaterformen und neue Formate ergänzt.
Die neue Intendanz steht damit vor einer doppelten Aufgabe: Cahn übernimmt ein Haus mit einer ausgeprägten Wagner-, Verdi- und Strauss-Tradition, will dessen künstlerisches Profil aber zugleich für neue Formen und Publikumserfahrungen öffnen. Sein Eröffnungswochenende mit Tiravanija macht diese Strategie unmittelbar sichtbar. Es ist weniger ein Bruch mit der Geschichte der Deutschen Oper als ein Versuch, ihre Räume, ihre Mitarbeiter und ihre musikalischen Ressourcen neu miteinander in Beziehung zu setzen.
Mit Aviel Cahn beginnt die Deutsche Oper Berlin ihre neue Spielzeit deshalb nicht mit einer Abkehr von ihrer Geschichte, sondern mit einer offenen Frage: Wie weit kann sich ein traditionsreiches Opernhaus für zeitgenössische Kunst, neue Formen und neue Begegnungen öffnen, ohne das musikalische Zentrum aufzugeben, das seine Identität ausmacht?

